Friedrich Engels: „Zur Wohnungsfrage“ 17. März 2020 – Gepostet in: Aktuelles, Verlagsnews – Schlagworte: , , ,

Marxistischer Klassiker mit vielen Erkenntnissen für die Gegenwart

In diesem Jahr können wir Friedrich Engels‘ 200. Geburtstag feiern. Aber das ist nicht der Hauptgrund, Texte von ihm wieder zu veröffentlichen und zu lesen. Der Grund ist, dass der Kapitalismus, den Engels zusammen mit Karl Marx analysiert und bekämpft hat, weiter besteht und weiter die zerstörerischen Folgen hervorbringt, die sie geschildert haben (und teils schlimmere). Die heutige Wohnungsnot ist ein plastisches Beispiel dafür.

Von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart

Die Aktualität dieses Textes fast 150 Jahre nach seinem Erscheinen kann man an mindestens drei Aspekten festmachen. 

1. Die Wohnungsfrage

Er formuliert die Grundlagen einer marxistischen Position zur Wohnungsfrage, die in den letzten Jahren wieder sehr aktuell geworden ist. Engels erklärt, dass die marktwirtschaftliche Lösung der Wohnungsfrage sie immer neu erzeugt, also keine Lösung ist. Kapitalistische Regierungen und Kommunen ergreifen zwar ebenfalls Maßnahmen – Engels erwähnt zum Beispiel die  Seuchenbekämpfung als einen Grund –, aber die verlagern die Probleme nur. Er begründet die Bedeutung der Eigentumsfrage für die Lösung der Wohnungsfrage. Als Sofortmaßnahmen tritt Engels für die Enteignung von einem Teil der Luxuswohnungen und Einquartierung von Wohnungssuchenden in einem anderen Teil ein. Er betont aber, dass eine grundlegende Lösung erst nach der Überwindung des Kapitalismus durch die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land möglich sein wird.

2. Grundgedanken des Marxismus

Der zweite Grund, warum sich das Lesen von Engels‘ Text heute noch lohnt, ist, dass darin über die Wohnungsfrage hinaus grundlegende Gedanken des Marxismus auf populäre Weise erklärt werden. Als Engels seine drei Artikelserien schrieb, die in dieser Schrift zusammengefasst sind, bestand die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, in deren Zeitung „Volksstaat“ die Artikel ursprünglich erschienen, etwa drei Jahre. Auch wenn viele Parteiführer, insbesondere Wilhelm Liebknecht (der Vater von Karl Liebknecht) Marx und Engels sehr nahe standen, waren deren Ansichten in der Partei noch wenig bekannt. Deshalb stellte sich Engels die Aufgabe, diese Ansichten anhand aktueller Fragen zu popularisieren. So erklärt er in dieser Schrift Grundgedanken ihrer Wirtschaftstheorie, über den Charakter des Staats, die Rolle von Ideen, besonders der Idee der „Gerechtigkeit“, die historische Stellung des Kapitalismus und der Bedingungen seiner Überwindung. Insbesondere betont er, dass die Ausbeutung der Arbeiter*innen im Produktionsprozess das „Grundübel“, der „Eckstein“ des Kapitalismus ist, und sie die Kraft sind, die ihn stürzen kann.

Angesichts dessen, dass diese Ansichten heute teils wieder in Vergessenheit geraten sind, teils – umso schlimmer – von Menschen, die sich auf den Marxismus berufen, in wichtigen Aspekten entstellt oder über Bord geworfen werden, ist die Beschäftigung mit ihnen heute wieder sehr dringlich geworden. 

3. Gegen den Kapitalismus

Der dritte Grund ist, dass zwar die beiden Autoren Mülberger und Sax, gegen die Engels seine Schrift gerichtet hat, heute fast völlig vergessen sind, doch ähnliche Ideen weiterhin ihr Unwesen treiben. Die von beiden propagierte Idee, dass das zentrale Mittel zur Bekämpfung der Wohnungsnot die Förderung von Wohneigentum sei, ist in Deutschland Regierungspolitik. Warum das keine Lösung ist, erklärt Engels in seiner Schrift.

Die Ideen des Mitbegründers des Anarchismus, Proudhon, die Mülberger vertrat, spielen heute kaum eine Rolle (Proudhons Antisemitismus und seine Frauenfeindlichkeit waren auch unappetitlich genug), aber sein Irrglaube, den Kapitalismus in gute und schlechte Aspekte aufteilen zu können und nur die schlechten zu bekämpfen, treibt immer wieder neue Blüten: zum Beispiel wenn eine gute Marktwirtschaft von einem schlechten Kapitalismus unterschieden wird oder wenn der Kampf nur gegen bestimmte Formen des Kapitals geführt wird. Solchen Verkürzungen hat Engels in dieser Schrift  den Boden entzogen, indem er erklärte, dass die Ausbeutung der Lohnabhängigen im kapitalistischen Produktionsprozess stattfindet und dass die Aufteilung des dort erzeugten Mehrwerts zwischen industriellen Kapitalist*innen, Banken, Handel, Vermieter*innen, Staat etc. dem nachgeordnet ist. Wenn wir nicht nur die Aufteilung dieses Mehrwerts unter den Herrschenden verändern wollen, müssen wir den Kapitalismus insgesamt ins Visier nehmen.

128 Seiten, ISBN 978-3-96156-081-3

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